TWT

Die Fäden laufen zusammen im Kopf der Zuhörenden. Hier entstehen Bilder und Geschichten - ausgelöst von Musik. In jedem Kopf andere, völlig unterschiedliche. Sie basieren auf Lebens- und Hör-Erfahrungen, auf Stimmungen, Lebenssituationen, auf individuellen Befindlichkeiten und emotionaler Verfassung.


Muss man für das Hören dieser Musik wissen, dass Thomas Guitar Walter seit über dreißig Jahren Gitarre spielt? Dass er an der Folkwang Universität der Künste in Essen studierte? Dass er 2007 sein erstes Album unter eigenem Namen aufnahm? 2009 das zweite und 2016 das dritte. Dass Tourneen ihn in die USA, auf die Philippinen, nach Estland, Spanien, Polen, Tschechien, Österreich und in die Schweiz führten? Dass er u.a. mit Kool and the Gang, Roy Hargrove, Kurt Rosenwinkel, Randy Brecker, Michael Gibbs, John Schröder, Johnny O’Neil, Billie Kaye und Takehiro Simizu auf der Bühne oder im Studio stand und ein Faible für Jimi Hendrix hat? Dass er seit 20 Jahren mit dem Schlagzeuger Bernd Oezsevim gemeinsam Musik macht und sie in dieser Zeit zu Brüdern im Geiste wurden? Dass er seit 2010 in Berlin lebt, 2017 Vater wurde und dass er sich und seinen Fans das nun vorliegende Album eigentlich schon 2021 zu seinem 40. Geburtstag schenken wollte, was Corona verhinderte? Dass Corona andererseits den Bassisten Niklas Lukassen früher als geplant aus den USA zurück nach Deutschland brachte, was die Aufnahmen in der aktuellen Besetzung erst möglich machte?

All das zu wissen, mag dem Protagonisten biografische Konturen geben, ist aber ganz und gar unnötig für das Hören der Musik, für das Sich-Einlassen auf die Geschichten, die uns Thomas Guitar Walter und sein Trio erzählen.


Für mich sind die Songs der Doppel-EP „Get Ready!“ / „SixtySix“ der Soundtrack zu einem fiktiven Road-Movie. Schlagartig wähne ich mich beim ersten Hören in einem Sportwagen. Mal mit offenem, mal mit geschlossenem Verdeck. Gemeinsam mit meiner Freundin geht es in moderatem Tempo durch weite, menschenleere Landschaften, durch turbulente Städte, verträumte Dörfer, auf Serpentinenstraßen durch Gebirge, entlang an der Küste des Meeres, über dem Möwen ihre Kreise ziehen. Wir fahren vorbei an endlosen Sonnenblumenfeldern, verwunschen erscheinenden Seen. Meist strahlt die Sonne. Hin und wieder ziehen Wolken auf, die bald dem leuchtenden Abendrot und später der sternenklaren Nacht weichen. Kinder spielen. Paare tanzen, träumen, lieben sich. Spannung und Entspannung. Wir beobachten das Treiben vom Balkon eines kleinen Hotels aus, in dem wir für eine Nacht Station machen. Dieser Trip ist Auszeit vom Alltags-Chaos.


Aber hören Sie selbst. Mit offenen Sinnen!